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glanz & gloria

 

«En français!»

Heute Vormittag wurde dem Munkeln ein Ende gesetzt: Micheline Calmy-Rey tritt per Ende Jahr zurück. In ihrer neunjährigen Tätigkeit als Bundesrätin hatte auch ich die Ehre, sie zu interviewen.

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(Bild: tilllate.com)

Direkt nach der Matura arbeitete ich bei Radio Ri. Dort berichteten wir auch regelmässig darüber, was im «Ländle» so vor sich ging. Ziemlich zu Beginn meiner Reportertätigkeit stand mir eine grosse Aufgabe bevor! Micheline Calmy-Rey war zu Besuch im Fürstentum Liechtenstein. Es ging um bilaterale Angelegenheiten zwischen dem Fürstentum, der Schweiz und Europa.

Vor versammeltem Landtag hielt Klaus Tschütscher, heutiger Regierungschef, eine Ansprache, danach referierte Madame Calmy-Rey. Sie war sehr adrett gekleidet -- daran kann ich mich gut erinnern, weil mich ihre Vornehmheit überraschte. Sie wirkte auf mich eher kühl und distanziert -- eine eiserne Lady. In den Reihen hinter dem Landtag sassen und standen dicht gedrängt zahlreiche Journalisten -- oder eben eine mit Mikrophon und Notizblöcken bewaffnete hungrige Meute, die gleich mit dem Startsprint zum Fragenmarathon in Aktion treten würde.

 Man kannte sich unter den Journalisten mehr oder weniger, vom Sehen her oder von einer kurzen Plauderei, mit der man hie und da das Warten auf den Beginn einer Pressekonferenz verkürzte. Als Jüngste im Bunde wurde mir -- ob aus galantem Grossmut oder Drückebergerei -- der Frage-Vortritt gewährt. Ich bewegte mich also mit dem nötigen Respekt -- um nicht zu sagen ehrfurchtsvoll -- mit meinem Mikrophon (damals übrigens noch mit Mini-Disc-Aufnahmegerät) auf die Bundesrätin zu und stellte ihr in einer so bestimmten und sicheren Manier wie möglich eine Frage, wobei ich das Mikrophon auf ihre schmalen, geschminkten Lippen richtete. Das erste was die Tonspur dabei zu erfassen bekam war: «En français!»
Ja. Auf das «s'il vous plaît» wartete ich vergebens. Hatte sie nicht vorher die ganze Rede in Deutsch gehalten? Na ja. Jetzt war Umpolen angesagt. Dank des erst wenige Wochen zurück liegenden Maturaabschlusses stand ich auf dem Zenit meines allabendlich erworbenen Französisch und meisterte die Runde ohne grosses Stottern.

Das war eine zwischenmenschliche Erfahrung, die -- na ja, wie soll ich sagen -- ziemlich überraschend war. Und, über die ich heute schmunzeln muss, obwohl sie mir vor vier Jahren noch ein paar Stunden lang -- ja, vielleicht sogar Tage -- in den redaktionellen Kinder-Knochen sass.

Kommentare
 

  

I can't believe I've been going for years without koiwnng that.

Keesha

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